17. November 2020

Eine digitale Konferenz

Vereinigung Chemie und Wirtschaft bot intensiven, virtuellen Austausch

Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Infraserv Höchst, und Prof. Dr. Hannes Utikal (rechts), Leiter des Zentrums für Industrie und Nachhaltigkeit der Provadis Hochschule, bei der Digitalkonferenz der Vereinigung Chemie und Wirtschaft (VCW). Foto: Infraserv Höchst

Einen derart direkten Draht nach Brüssel wünscht man sich in der deutschen Chemieindustrie als Standleitung, denn nicht immer finden Unternehmen so schnell Gehör im Europäischen Parlament wie bei der Digitalkonferenz der Vereinigung Chemie und Wirtschaft (VCW) der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh).

Unter anderem war Jutta Paulus zugeschaltet, die für die Grünen dem Umweltausschuss des Europaparlaments angehört und die virtuelle Podiumsdiskussion zwischenzeitlich kurz verlassen musste, um an einer Abstimmung teilzunehmen. Der Meinungsaustausch zwischen Politik, Unternehmen und Verbände war einer der vielen interessanten Agenda-Punkte bei der Veranstaltung, die vom Zentrum für Industrie und Nachhaltigkeit der Provadis Hochschule konzipiert und Infraserv Höchst, Standortbetreibergesellschaft des Industrieparks Höchst, unterstützt wurde. „Die CO2-neutrale Chemieindustrie 2050: Den Transformationspfad proaktiv gestalten“ lautete das Motto der Veranstaltung, die zahlreiche Referate, Workshops und Möglichkeiten zum virtuellen Austausch bot.
Den direkten Draht nach Brüssel nutzte Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Infraserv Höchst, für ein klares Statement aus Sicht der Chemie-Unternehmen: „Wir unterstützen die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung und engagieren uns schon seit Jahren sehr intensiv dafür, die Treibhausgas-Emissionen weiter zu reduzieren. Doch es ist wichtig, bei der gesellschaftlichen Debatte und den politischen Entscheidungen neben den ökologischen Aspekten auch die ökonomischen und sozialen Belange angemessen zu berücksichtigen.“
Die Politik müsse sich auf den unterschiedlichen Ebenen der Folgen bewusst sein, die gesetzliche Vorgaben in der Praxis haben. Die politischen Entscheidungsträger dürfen laut Jürgen Vormann bei den Klimaschutz-Bestrebungen die Wettbewerbsfähigkeit der Chemiebranche, der als Innovationstreiber bei der Lösung zentraler Zukunftsfragen eine wichtige Rolle zukommt, nicht aus den Augen verlieren.
Ein Appell, den Jutta Paulus zumindest dahingehend zustimmte, dass „ein gemeinsamer Rahmen“ für gesetzgeberische Initiativen wichtig sei. Gleichzeitig ließ die Europaparlamentarierin aber auch durchblicken, dass der „European Green Deal“ für die Chemieindustrie noch einige Herausforderungen mit sich bringen werde.
Dr. Jörg Rothermel, Abteilungsleiter für Energie und Klimaschutz des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) hatte die Videokonferenz mit seinem Vortrag zu „Chemistry4Climate: der Weg in eine treibhausneutrale Chemieproduktion“ eröffnet. „Treibhausgasneutralität ist machbar“, sagte der VCI-Vertreter, der darauf verweisen konnte, dass die chemische Industrie in Deutschland die Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 bereits um 50 Prozent reduzieren konnte, obwohl die Produktionsmengen im gleichen Zeitraum um 70 Prozent gestiegen sind. Für eine CO2-neutrale Chemieproduktion müssten allerdings enorme Mengen an „grünem“ Strom sowie Wasserstoff verfügbar sein, zu wettbewerbsfähigen Konditionen. Hier fehlen bislang Infrastruktur und Produktionskapazitäten, notwendige Technologien stehen zum Teil heute noch nicht zur Verfügung. „Auf dem Weg zur CO2-neutralen Chemieproduktion müssen wir noch einige technische und ökonomische, aber auch politische Herausforderungen bewältigen“, erklärt Jörg Rothermel.
„Auch Unternehmen müssen individuell prüfen, wie sie bis zum Jahr 2050 CO2-neutral werden können. Das ist vielfach eine technische und ökonomische Herkulesaufgabe Verfügbare Technologien und Produktionsprozesse sind ebenso zu beleuchten wie auch die neue Geschäftsmodelle“, so Prof. Dr. Hannes Utikal, Leiter des Zentrums für Industrie und Nachhaltigkeit der Provadis Hochschule und Moderator der Digitalkonferenz. Entscheidend sei, dass die Unternehmen diese Aufgabe im engen Austausch mit Wissenschaft sowie Gesellschaft und Politik angingen, da sie nur im Schulterschluss die gewaltige Umstellung erreichen könnten.
Nach den Key Notes konnten die Teilnehmer aus vier praxisnahmen Unternehmensvorträgen auswählen. Prof. Thomas Bayer, Infraserv Höchst, beschrieb für die Industriepark-Betreibergesellschaft den Infraserv-Transformationspfad zur CO2-Neutralität. Tara Nitz, Global Positioning and Advocacy Circular Economy Covestro, Dr. Heiko Thielking, Head of Corporate Strategy Lanxess und Dr. Marco Bosch, Head of Carbon Management and Upstream Technologies BASF, stellten ihre Aktivitäten zu diesem Thema vor.
„Die wirtschaftlich erfolgreiche Transformation der Chemieindustrie ist eine Herkulesaufgabe, welche die Branche nur in Kooperation mit der öffentlichen Hand und der Wissenschaft erreichen kann“, stellte Hannes Utikal fest. Die Digitalkonferenz habe dazu beigetragen, Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in den Austausch zu bringen. „Dieser Dialog muss fortgesetzt und intensiviert werden“, meint der Leiter des Zentrums für Industrie und Nachhaltigkeit der Provadis Hochschule. red

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